Bombenstimmung. Nicht.

Der Businesspark ist ja generell langsam ein explosives Thema geworden. Der Blindgänger, der am Mittwoch ganz in der Nähe gefunden wurde macht die Sache nicht besser.

An diesem Samstag werden im Umkreis von 500 Metern die Anwohner in und um den östlichen Tinsdaler Weg herum evakuiert. Die Sache ist nervig, aber dank guter Spezialisten nicht wirklich gefährlich. Trotzdem will man für den Fall der Fälle auf Nummer sicher gehen.

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Eine alte 250kg-Bombe (Beispielbild)

Was bombardiert man denn bitte in Wedel?

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Grafik mit den Bombentreffern in Wedel aus dem Heimatbuch 1962. (Mit dank an Elisabeth)

Wo die Bombe herkam erzählt uns die Geschichte. Warum sie ausgerechnet hier in Wedel landete vielleicht nicht. Sie kann aus zwei Gründen hergekommen sein.

Zum einen war da das Raffineriegelände, wo jetzt der Businesspark (vielleicht) entstehen soll. Auch im zweiten Weltkrieg standen dort Produktionsanlagen und die Alliierten wussten von der Ölknappheit, die Nazideutschland gerade zum Ende des Krieges zu lähmen drohte. Alles, was diese Knappheit noch verschärfen konnte lag also ganz im Interesse der Kriegsgegner. Die englischen Bombenangriffe konnten also die damalige MobilOil Industrieanlage zum Ziel gehabt haben. Möglicherweise aber auch den nicht fertiggestellten Uboot-Bunker „WENZEL“, dessen Bau 1944 jedoch abgebrochen wurde.

Manch unerfahrener Navigator mag vielleicht sogar den Wedeler Mühlenteich mit der als Navigationshilfe dienenden Hamburger Alster verwechselt haben…


Vielleicht hatte Wedel auch einfach nur Pech.

So banal es klingt, es ist auch möglich, dass die Bombe einfach nur ‚übrig‘ war, nachdem Hamburg bombardiert wurde.
Die Englischen Bomber zu dieser Zeit waren technische Meisterwerke – sie konnten gewaltige Bombenlasten tragen und oft trotz großer Schäden durch die Luftabwehr noch zurück nach England fliegen. Doch schon wegen der großen Gefahr bei der Landung und des zusätzlichen Spritverbrauchs war es den Piloten verboten, Teile ihrer Bombenlast wieder mit nach England zu nehmen.

Die Elbe war der Orientierungsweg für die Heimreise.

Britisches Flugzeug Avro Lancaster

Ein Avro 683 ‚Lancaster‘-Bomber

Wenn nun ein Bomber sein Ziel mit dem ersten Anflug zerstört hatte, oder nicht alle Bomben abwerfen konnte, so mussten die letzten Bomben trotzdem auch noch gelöst werden. Natürlich hätte der Bombenschütze sie einfach irgendwo abwerfen können. Aber es war Krieg. Ein leichter Schlenker über Wedel – und die Bombe die man noch loswerden musste fand ihr Ziel doch noch in einem Stadtgebiet.

(Aus diesem Grund finden sich in Hamburgs Westen übrigens auch noch Blindgänger in vielen Gebieten, die eigentlich nie Bombenziele waren!)

Sprengung einer 250kg-Bombe in München 2012.
Ein britischer Avro 683 Lancaster-Bomber hatte üblicherweise 14 Stück davon an Bord.


Ausgebombt.

Die meisten der heute Evakuierten verbringen die Zeit vermutlich bei Freunden oder in einem gemütlichen Café. Vielleicht schaut auch jemand im nahen Autonomen Zentrum in der Pulverstraße vorbei. Es gibt wohl keinen, der einem der Anwohner für die Zeit nicht eine warme Stube zur Verfügung stellen würde.

Vielleicht bringt der Fund doch eine gute Sache mit sich:

Eine alte Bombe zu finden erinnert uns daran, das Krieg nichts angenehmes ist.
Es macht keinen Spaß, sein Haus wegen Krieg verlassen zu müssen. Und daran, dass es wichtig ist, diejenigen aufzunehmen, die es dennoch müssen.

Krieg trifft eben nicht nur unsere Generation, sondern auch die nach uns kommenden.

In dem Sinne,
warme Grüße an alle ‚Ausgebombten‘.

Hoffen wir, dass ihr schnell wieder nach Hause dürft.

– Der Löwenseelenkater

2 Kommentare zu “Bombenstimmung. Nicht.

  1. Die alliierten Luftwaffen hatten in ihren vordersten Bombern so genannte „Scouts“ sitzen. Sie versuchten, anhand der Geländeformen, Flüssen und Seen, hohen Türmen und markanten Punkten die Städte zu finden. Denn diese waren getarnt und verdunkelt.

    Hamburg zu finden ging in etwa so: Die Elbe entlang fliegen bis links die Alster erscheint. Dazwischen ist Hamburg. (Später im Feuersturm wurde dann der Kirchturm der St. Nikolai zwischen Elbe und Alster als Abwurf-Startpunkt gewählt. Der Turm war so hoch, dass er vor den Piloten in den damaligen Bomber(-Flughöhen) nicht getarnt werden konnte.)

    War die Stadt gefunden, so warfen die Scouts Phosphor – Bomben (später als Brandbomben genutzt). Diese Bomben leuchteten in der Nacht. Sie wurden vor dem Feuersturm noch mit kleinen Fallschirmen abgeworfen um langsamer zu Fallen bzw. länger im Fall zu bleiben. Sie richteten unten keinen direkten Schaden an, da sie schon ausgebrannt waren. Beim Feuersturm 1943 wurden sie in normaler Geschwindigkeit abgeworfen um Brände zu verursachen.

    Die nachfolgenden Bomberstaffeln suchten dann nur die kleinen fallenden brennenden Punkte und warfen über ihnen die (Spreng-)Bombenlast ab. Da eine Treffgenauigkeit bei diesem System nicht gegeben war, wurde über den Leuchtpunkten breitflächig gebombt.

    Was in den englischen Karten nicht verzeichnet war – waren Mühlenteiche im Winter. Denn diese Teiche wurden vor den Wassermühlen aufgestaut, um die Mühlenblätter trocken zu legen. Eventuell zugefrorene Gewässer konnten so keinen Schaden an den hölzernen Mühlen verursachen.

    Dadurch findet man auch heute noch saftige Wiesen in der Nähe von Mühlenteichen. Auch in Wedel ist das so. Das sind die ehemaligen Überflutungsgebiete.

    Als im Winter die Scouts die Elbe entlang flogen, entdeckten sie den Mühlenteich und identifizierten ihn als „Alster“. So begann die irrtümliche Bombardierung Wedels.
    (Die oft als Ziel vermutete Pulverfabrik war da schon seit über 50 Jahren geschlossen.)

    Interessant sind die damaligen Berichte in den Zeitungen. Die Schäden in Wedel und Schulau waren enorm. Die Zeitungen schrieben, dass es in einer weiten Besiedelung wie in Wedel schon solche Schäden gab, dass man sich nicht ausmalen möge, was diese Bomben erst im dicht besiedelten Hamburg angerichtet hätten..

    Quellen: Anfang der 90er Jahre Zeitschrift zur Sonderausstellung „Feuersturm“ im Museum für Hamburgische Geschichte und die Serie „Operation Gomorrha“ aus dem Hamburger Abendblatt – die ich dummerweise zum Jahreswechsel entsorgt habe, nachdem sie jahrelang ungelesen im Schrank lag. Schade eigentlich.

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