Wedels dunkle Vergangenheit – Stolpersteine

Jede Stadt hat ihre dunkle Vergangenheit. Wedel ist da keine Ausnahme.

In allen Großstädten gehören die Stolpersteine als Gedenkstätten zu den Opfern des Nationalsozialismus in gewisser Weise inzwischen zum Stadtbild. Vor den ehemaligen Wohnhäusern von im Nationalsozialismus ermordeten Menschen befinden sich immer häufiger in den Weg eingelassene Plaketten mit ihren Namen.

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Verlegung an der Rolandstraße/Ecke Rudolf-Höckner-Straße

Auch in Wedel wurden 2015 bereits 3 Stolpersteine verlegt.

Bisher gibt es Stolpersteine für
Betty Elkeles,
Helene
Johannsen und
Karl Timm.


Gestern wurden zwei weitere Gedenksteine hinzugefügt:

Franz Hinrich Borchert:

Vor der Rudolf-Höckner-Straße wurde der Gedenkstein für Franz Hinrich Borchert verlegt.
Er starb am 14. Februar 1937, nachdem er in eine Nervenheilanstalt zwangseingewiesen wurde. Der Grund wirkt absurd: Er war einfach nur Epileptiker. Die damals sogenannte Fallsucht galt nicht nur als auszumerzende Erbkrankheit , sondern tatsächlich auch als Grund zu einer möglichen Zwangssterilisation. Ein Nachfahre Franz Hinrichs, Dieter Borchert, wohnte der Verlegung an der Ecke Rolangstraße/Rodolf-Höckner-Straße gestern bei.

Gertrud Julie Fanny Kroll:

Am Breiten Weg 103 wurde der zweite Stolperstein gesetzt. Auch Gertrud Kroll wurde, nachdem sie angeblich versucht haben soll, einen ihrer Söhne zu ertränken, zwangsweise in eine Heilanstalt eingewiesen. Mehrfach wurde sie verlegt und starb schließlich am 4. November 1944 in Landsberg an der Warthe (Jetzt das polnische Gorzów Wielkopolski).
Gleich drei ihrer Nachfahren kamen zur Veranstaltung, unter ihnen ihre Schwiegertochter Kathleen Wöbcke.

Link zur Fotogalerie


Gedenkdebatte

Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus ist inzwischen gerade bei jüngeren Leuten manchmal etwas zwiespältig. Es gibt immer weniger Menschen unter uns, die diese Zeit noch miterlebt haben und auch über ihre Eltern keinen Bezug mehr zu den Ereignissen vor inzwischen mehr als 70 Jahren empfinden. In gewisser Weise kann man sogar diejenigen verstehen, die sagen, sie wollen sich nicht für Dinge entschuldigen, die vor zwei Generationen geschehen sind und an denen sie keine Schuld tragen.

Für die Älteren unter uns sind die Stolpersteine eine Erinnerung an die Menschen, die der Hass der Nationalsozialisten aus dem Stadtleben gerissen hat. Wir Jüngeren haben meistens keinen Bezug mehr zu den ermordeten Personen – aber für uns sind die Stolpersteine dennoch aus einem anderen Grund wichtig.
Vielleicht interessiert der Name auf ihnen gar nicht mehr so sehr. Aber als Symbol erinnern sie uns dennoch still und alltäglich daran, wachsam gegenüber dem Faschismus zu sein: Wedel ist eine schöne Stadt, aber wenn wir es zulassen kann selbst hier etwas Unmenschliches passieren.

Uns Jüngeren sind die Stolpersteine vermutlich inzwischen weniger ein Gedenken an die einzelnen Menschen, sondern in ihrer Gesamtheit vielmehr eine Mahnung an die Zukunft.

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Künstler Gunter Demnig, der Schöpfer der Stolpersteine, bei der Arbeit im Breiten Weg 103


Der Löwenseelenkater stolpert…

Seltsam.
Nicht nur, dass ich bei der Verlegung dabei war. War ich da überhaupt richtig?
Ich wollte doch das Wedeler Stadtleben kennenlernen, nicht das damalige Stadtsterben. Aber die Vergangenheit einer Stadt zu erforschen gehört wohl ebenfalls mit dazu, sie kennenzulernen. Ich versuche dennoch weiter zu verstehen, was ich nach der Zeremonie eigentlich empfinde. Vor allem Unverständnis. Alles, um das es hier geht geschah weit vor meiner Zeit – aber irgendwie konnte es damals passieren. Das ‚Wie‘ bleibt jedoch einfach unbegreiflich.

Wie viele andere meiner Generation auch habe ich wohl auch Schwierigkeiten damit, mir vorzustellen wie Menschen wissentlich andere aus ihren Häusern ziehen können, um sie dann in den Tod zu schicken.

Vielleicht geschah das alles wirklich vor meiner Zeit.

Aber die Leute, die solche Grausamkeiten gutheißen, die gibt es eben leider auch heute noch.

Wollte ich heute nicht eigentlich mal wieder etwas Lustiges schreiben?
      – War wohl nichts.

Ich habe einen schönen, wenn auch etwas nachdenklichen Tag in meiner neuen Heimat erlebt. Stolpersteine kannte ich, wie sie verlegt werden war mir bisher aber neu. Die Stimmung bei der zwanglosen Zeremonie war zwar besinnlich, aber insgesammt herrschte bei allen Teilnehmern durchgehend gute Laune vor. Kathleen Wöbcke, die Schwiegertochter der Ermordeten Getrud Julie Fanny Kroll, erzählt später von ihrer Familie und lacht dabei.
Später beim Kaffee ergänzt sie noch mit einem Lächeln:
Es ist etwas zuende geführt worden, was zuende geführt werden musste“.

Die Stolpersteine sind wohl einfach kein Thema über das man was fröhliches schreiben kann, aber trotzdem hat es mir gefallen es mitzuerleben.

Auf die Art entdeckte ein ziemlich düsteres Stückchen Wedeler Vergangenheit – aber zugleich eben auch das Versprechen aus allen Generationen, soetwas nie wieder geschehen zu lassen.

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Nach der Veranstaltung kehre ich nach Hamburg zurück und laufe wie üblich über die vier Stolpersteine vor meinem Büro. Die Namen auf ihnen habe ich schon längst wieder vergessen. Aber in Zeiten eines Donald Trump, einer Marine LePen und eines Viktor Orbán erinnert mich der Glanz der Stolpersteine auch ohne ihre Aufschrift zu kennen an etwas wichtiges:

Bleib immer wachsam, damit nichts Schreckliches passieren kann.

– Bastian Sue
der Löwenseelenkater

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