Lebendiger Adventskalender – Nikolaus in der Notunterkunft

Was wäre das doch beinahe für ein gemütlicher Nikolausabend geworden!

Eigentlich hatte ich vor, den Mittwochabend ganz gemütlich in meiner Wohnung zu verbringen. Einen ruhigen Abend alleine, mit Netflix, Maxi-Pizza vom Lieferdienst und Computerspielen.

Ein Weihnachtsmuffel auf Abwegen20171206_181610

Kurz zusammengefasst, ich hätte es mir am Nikolausabend gerne in meinem zwar bescheidenen, aber ausreichend empfundenen Luxus gemütlich gemacht. Doch dann hat mich die von mir so getaufte „Schildmaid von Wedel“, Irmgard Jaskers (LINK)  darum gebeten, in der Notunterkunft am Bullenseedamm kurz beim Aufbau eines Pavillons zu helfen.

Es ging um die Teilnahme am Lebendigen Adventskalender. Bei dieser Vorweihnachtlichen Veranstaltungsreihe laden verschiedene Privatpersonen und Institutionen aus Wedel an jedem Adventstag zum gemeinschaftlichen Zusammentreffen ein. Familie Jaskers hat ihre Nikolausfeier gemeinsam mit den Bewohnern der Notunterkunft am Bullenseedamm ausgerichtet.


Lebendiger Adventskalender

Auf ihrer Webseite (Link) informiert die Christuskirche Schulau:

„Auch in diesem Jahr bieten die  Christuskirche, die Immanuelkirche, die Auferstehungskirche und die Pfarrgemeinde St. Marien/Heilig Geist im „lebendigen Adventskalender“ eine Gelegenheit zu Begegnung und Gespräch, den Advent zu feiern und einen Moment zur Ruhe zu kommen.

Familien und Institutionen aus Schulau und Wedel sind wieder für einen Abend Gastgeber. Und alle sind eingeladen, mit warmer Kleidung und ggf. Regenschirm und vielleicht einer Lampe miteinander Advent zu feiern – zu singen, Geschichten zu hören, ins Gespräch zu kommen und Segen zu empfangen. Beginn ist immer – wenn nicht anders angegeben – 18.30 Uhr.“

Für alle Interessierten hier die restlichen Termine für 2017:


An dem aufgestellten Feuerkorb wollte ich dann nur noch ein paar Minuten meine eingefrorenen Finger wärmen, bevor ich wieder in mein Zuhause und meine Grinch-Gemütlichkeit zurückkehre.

Ein besinnliches Fest in der Notunterkunft

Auf einmal stehe ich aber doch mittendrin, im gemütlichen Kreis der Anwohner und Besucher. Knapp 25 Leute um mich herum, Bewohner der Notunterkunft, Nachbarn, Gäste, Konfirmanden einer Wedeler Kirchengemeinde.

Mit einem Becher alkoholfreiem Apfelpunsch, der mir mit Zimt und anderen Gewürzen besser tut als jeder Glühwein genieße ich die Wärme. Ich lausche dabei dem weihnachtlichen Gitarrenspiel von Thomas Ferenz, den ich schon von ähnlichen Veranstaltungen kenne. So ganz traue ich mich nicht, wie die meisten anderen bei den Weihnachtsliedern mitzusingen, aber die Refrains sind aus meiner Schulzeit noch ein wenig bekannt.

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Für die Bewohner gab es Nikolausgeschenke:

Die Konfirmanden gingen von Tür zu Tür und überreichten jedem Bewohner, der nicht selbst zum Fest gekommen war, ein Nikolausgeschenk. In jedem Paket gab es Stollen, Weihnachtsgebäck, Pulverkaffee, Teebeutel, Fischkonserven, Würstchen, Käse, Brühpulver, Schokolade und Pralinen, manchmal Dauerwurst. Ein Fresspaket also – für die Anwohner nicht nur sinnvolles Geschenk, sondern vor allem das wichtige Zeichen, dass jemand an sie denkt.

Finanziert werden die Geschenke durch Spenden. Manchmal sind es fertig gepackte Pakete, manchmal auch Geld, dann gehen Irmgard und ihr Mann Wolfram damit einkaufen. Zusammen mit der Adventsfeier im „Mittendrin“ waren es letztes Jahr über 100 Pakete.

Alle fanden einen Abnehmer, denn Armut gibt es auch in Wedel, erklärt mit Anwohner Matthias. Er zeigt mir die gemeinsame Sitzecke mit der Feuerstelle, an der sich die Bewohner regelmäßig treffen, die Nachbarn spendieren immer das Holz und manchmal auch mehr. Dann erzählt er mir von den Bewohnern, von gegenseitiger Hilfe wie Einkaufsgemeinschaften. Ein anderer Bewohner fachsimpelt mit mir stolz über die Technik in seiner Modeleisenbahn, mit denen er sich beschäftigt. „Man braucht etwas zu tun, damit nicht das Aufgeben kommt“, wie der ehemalige Eisenbahner sagt.

Matthias beschreibt mir die Situation, jeder Bewohner der Notunterkunft mit einer eigenen Hintergrundgeschichte, ohne irgendjemanden dabei zu verurteilen. „Manchmal gibt es auch Streit, wie bei jeden Nachbarn, dann vertragen wir uns wieder“, gibt er zu.

Doch viel lieber spricht Matthias über den Gemeinschaftsgedanken, der sich in der Notunterkunft etabliert hat: „Hier halten wir zusammen. Wir achten aufeinander und sind immer füreinander da.“

„Armut gibt es auch in Wedel. Das sehen viele Leute nur nicht.“
– Ein Anwohner


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Miteinander am Feuer

Es ist windig, nass, kalt und trotzdem verbringen wir einen besinnlichen Abend den ich so niemals erwartet hätte. Als Atheist lausche ich gemeinsam mit dem Muslim Reza der von der Vikarin der Immanuel-Gemeinde, Anna-Lena Wulf, mit ein wenig Humor vorgetragenen Geschichte von Sankt Nikolaus von Myra. Später unterhalten wir uns mit Interesse und Toleranz über verschiedene Glaubenstraditionen, ohne einander zu kritisieren. Reza lässt sich neugierig den Hintergrund der Konfirmation erklären.

Bei der Antwort von Vikarin Anna grinst er: „Arme Muslimische Kinder, bekommen keine Konfirmation und keine Geschenke. Aber dafür eine Beschneidung.“
Wir müssen lachen und Anna scherzt im Gegenzug mit uns über die Konfirmation als Einnahmequelle für Jugendliche.

Da stehen wir nun, Wohlhabende und Obdachlose, Muslim, Christin, Atheist. Uns trennt keine Religion und keine Lebenssituation.
Zusammen bringt uns das, was wir gemeinsam haben:

Solidarität und Menschlichkeit.



Etwas fehlt….

Stunden später bin ich wieder in meiner bescheidenen Wohnung. Es ist schon spät und ich bin wieder alleine, der Fernseher macht das Licht. Jetzt habe ich ihn, den gemütlichen Abend alleine, mit Netflix, meiner Maxi-Pizza und Computerspielen.

Gelangweilt schalte die Geräte aber bald wieder aus. Habe ich mir heute morgen irgendwie besser vorgestellt. Meine nach Rauch und Apfelpunsch riechende Kleidung wandert also schwungvoll in die Wäsche und ich gehe früher als sonst ins Bett. Zufrieden mit dem Tag denke ich darüber nach, wie toll es ist, dass es Leute gibt, die diesen lebendigen Adventskalender ausrichten.

Natürlich, ich bin ein Weihnachtsmuffel. Aber…

…was wäre das doch beinahe für ein trauriger Nikolausabend geworden!


Bastian Sue,
der Löwenseelenkater

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