Kolumne: Verloren in Zeit und Raum.

Es passiert immer in diesen Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr:

„Zeit“ wird auf einmal zu einem rein theoretischen Konzept, dass nicht mehr existiert.

Keiner weiss, welches Datum es ist, eigentlich interessiert es auch niemanden. Die letzten Zahlen auf dem Kalender werden durch eine graue, geleeartige Masse ersetzt. Nach den gestressten Weihnachtseinkäufen, Familienfeiern, Fressorgien und durchgehendem Wandel an epileptischen Anfällen durch blinkende Weihnachtsdekorationen wird der Rest des Jahres sowieso nicht mehr richtig ernstgenommen. Man hat sich schließlich das ganze Jahr über angestrengt, jetzt ist es genug.

Zeit für etwas Ruhe!
Die westliche Welt verfällt in den letzten Dezembertagen gemeinschaftlich und mit zufriedenem Lächeln in ein wohlverdientes:

„Ach, scheiss drauf!“

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Ein kleines bisschen Transzendenz…

Der Rest von uns befindet sich zwischen den Welten, am Rande der Realität. Dies ist unsere ganz persönliche Twillight-Zone.  Das Frühstück wurde nach dem Aufstehen zu den Abendnachrichten gegessen. Sofern man zwischen den Geschirrbergen Platz dafür gefunden hat, denn auch Hausarbeit nur noch ein rein theoretisches Konzept.

Es jetzt auch in Ordnung, um 10 Uhr morgens Glühwein zu trinken. Warum auch nicht? Man hat ja bis eben gearbeitet und den bis zuletzt aufgeschobenen Papierkram letzte Nacht, kurz vor dem Morgengrauen erledigt. Alle anderen anstehenden Aufgaben können ganz einfach durch die magischen Worte „Nächstes Jahr!“ an einen Ort verbannt werden, dessen genauere Existenz genauso difus und unbestimmt bleibt wie die Chance auf die tatsächliche Umsetzung aller Pläne. Dies ist Schrödingers Neujahrsvorsatz, verschobene Dinge sind zugleich für das vergangene Jahr erledigt und gleichzeitig doch nicht erledigt. Wir selbst taumeln zufrieden durch eine kulturelle Heisenbergsche Unschärfe: Wir befinden uns zwischen den Tagen, aber wo und wann, das weiss eigentlich keiner so genau.

Die Ausnahme davon bilden natürlich die tapferen und meist unterbezahlten Pflegekräfte, Rettungssanitäter, Polizisten und viele andere – all die, die auf uns aufpassen, während wir uns dem „Gähn…!“ hingeben.


dali23

Früher hätte man diese Zeit „die letzte Dezemberwoche“ genannt,
aber was einst war und was sein wird ist nun ohne Bedeutung.

In diesen Tagen sind wir dem evolutionären Aufstieg so nah wie nie. Wir wandeln frei über Erden, stehen über allen Dingen und gleichgültig gegenüber allem Geschehen. Wir erleben Erhebung und Aufstieg, sind losgelöst von den Beschränkungen der Radiowecker und anderen ungeliebten Bestandteilen der Wirklichkeit. Für ein paar Tage schmecken wir einen Hauch von Transzendenz, eine kulturelle Singularität. Uns erreicht ein sachter, betäubender Kuss vom Nirwana!

Zum Jahresende erhebt sich die Menschheit für einen kurzen Moment aus den letzten Fesseln von Zeit und Raum:

Sogar Einkaufen in Jogginghosen ist nun gesellschaftlich akzeptiert.

 


Bastian Sue,
der Löwenseelenkater ganz in Dezemberfaulheit
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