Rolf Becker in Wedel – „So wird Geld verdient!“

Eigentlich wollte Rolf Becker in Wedel ja nur alte Texte vorlesen. Um Geld sollte es darin gehen, so die Ankündigung: 2500 Jahre Geldgeschichte – über diverse Texte aus verschiedensten Epochen dargestellt.

Abendprogramm für den Löwenseelenkater?

Bewaffnet mit Notizzettel und Stift war ich losgetrottet, vielleicht würde es ja ein paar Ideen für ein paar gute Texte für mich geben. Ich hatte einen eher trockenen Vortrag erwartet:

Soziologiestudium, drittes Semester, heute mal in Wedel?

Was habe ich mich getäuscht!

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GEBRÜLL!

Schon mit den ersten Worten voller Emotion und Leidenschaft war der gut gefüllte Saal der AWO in der Rudolf-Breitscheid-Straße völlig im Bann des Redners.
Er hatte die erstene Worte des Vortrages so laut in dem Raum gebrüllt, dass die Zuhörer kollektiv zusammengezuckt waren. Mit dieser unerwarteten Eröffnung war man nicht nur durch die nun vorgetragenen Texte über Geld, sondern auch der Darstellung der as ihnen zum Publikum sprechenden Figuren gefangen.

Nicht Rolf Becker, sondern der alte Griechenphilosoph Sophokles selber stand dort, verkörpert durch die der Wiedergabe seiner überlieferten Texte,  und erklärte den Anwesenden voller Zorn und Hingabe:

„Die Menschen haben nichts Schlimmeres als das Geld erfunden, das Geld zerstört die Gemeinschaft, es zerstört Städte und Staaten, es vertreibt Familien von Haus und Hof, bringt auf schlechte Gedanken und macht zu allem fähig, das Geld macht aus Menschen Verbrecher!“ – (Sophokles, Antigone, 442 v.u.Z.)

„Rolf Becker liest Texte über Geld“.
Nein. Was für eine Untertreibung dieser Titel war.

Ich war hier bei keinem Vortrag, bei dem jemand alte Texte liest – ich war in einem Bühnenspiel! Es war nicht Rolf Becker, der mich da angebrüllt hatte!
Das war Sophokles selbst!


Vortrag und Schauspielkunst

Alleine mit einem Hut und einem Stück Papier als Requisiten hat der Künstler nicht schlicht die angekündigten Texte verlesen, sondern sie als verschiedenste Figuren dargestellt. Voller Bissigkeit, mal voller Trauer, Humor oder Hilflosigkeit äußerten antike Philosophen und moderne Neuzeitler, aus allen Epochen Kritik am Finanzwesen.

Man hörte Sophokles und Aristoteles reden, William Shakespeare und Jean-Baptiste Moliere sowie Heinrich Heine bis hin zu Karl Marx, Friedrich Engels, Bertolt Brecht.

Und wo die Texte, von vorchristlichen Philosophen durch die Jahrhunderte bis zu den Nürnberger Prozessen vom Geld handelten, zeigten sie durch die verkörperten Rollen eine unglaubliche Macht – nicht alleine durch die Worte, sondern weil es die Figuren selbst in Verbindung mit den meist kapitalkritischen Texten waren, die sprachen.

Doch auch die Düstersten der Normalen kamen zu Wort, die hinterlistigsten der Ehrenleute, die nahezu obszönen Aussagen historischer Geschäftemacher, von denen einige als verkörperten Figuren das Geld über Menschenleben stellen, als wäre es eine reine Selbstverständlichkeit.

Bierchen mit Rolf Becker

In der Vortragspause fand sich Zeit für ein gemeinsames Bierchen und ein kurzes, privates Gespräch mit Rolf Becker.

Bisher kannte ich ihn tatsächlich nur vom Namen her, auch wenn ich mir sicher bin, dass ich ihn schon einige Male auf dem Bildschirm gesehen habe. Obwohl ich zugegebenermaßen überhaupt kein Fernsehmensch mehr bin.

Mit Rolf bin ich einem unglaublich interessanten Menschen begegnet, der mich nicht nur durch sein Talent als Darsteller und Redner beeindruckt hat, dass mich als Laie mit purem Neid erfüllt, sondern auch jemandem, der mich durch sein Wissen und seine Einstellung zum Leben sehr inspiriert hat.


Heinrich Heines „Sklavenschiff“

Eine der Eindrucksvollsten Passagen des Abends war wohl die Darstellung des niederländischen Sklavenhändlers Mynheer van Koek aus der Kolonialzeit nach Heinrich Heines „Sklavenschiff“.

Scene on board a slave ship. Date: circa 1830

Während einer beschwerlichen Schiffsreise betet dieser zu Gott und bittet für das Überleben seiner Sklaven, überzeugt davon, um „Gnade für die Wilden“ zu bitten.
Für das Publikum all zu frisch aber noch die Erinnerung an einige Sätze zuvor, als eben jeder Geschäftsmann noch über seinen Kalkulationen brütete, mit wie vielen Sklaven welche Gewinne zu erzielen seien. Während Becker sich in seiner Rolle als Sklavenhändler selber als guten und gerechten Menschen darstellt, der sich selbst auch als solchen sieht, und Gott um das Überleben seiner Passagiere bittet, erinnert sich das Publikum noch an die vorangegangenen Zeilen:

Das Gebet an Gott gilt nicht den versklavten, sterbenden Menschen auf dem Schiff, es gilt allein dem Geld.


Das lange Warten auf ein Happy End…

Der Vortrag, der zu Beginn noch geradezu verspielt und humorvoll mit antiken Komödien begonnen hatte, scheint entgegen des nahezu lockeren Beginns immer düsterer zu werden, immer absurdere Missbräuche von Geld in Verbindung mit Menschenleben anzunehmen.

Irgendwann wartete mal als Publikum geradezu darauf, dass endlich mal ein Witz, eine gute Geschichte, eine Pointe entsteht, die das ganze Gräulpanorama der Jahrhunderte als Dystropie und Unmöglichkeit darstellt.

Aber die Geschichten sind keine Fiktion, sie sind geschehen, die Figuren haben die Texte vor langer Zeit gesprochen, doch geändert hat sich seit den Klagen aus der Zeit der Antike über die Ungerechtigkeit und Korruption der Stadthalter scheinbar auch nach 3 Jahrtausenden noch immer nichts am Geld.

Der Angeklagte der Nürnberger Prozesse, der inzwischen über die zitierten Prozessakten verkörpert in aller Selbstverständlichkeit davon erzählt, er habe nur seinen Betrieb mit Arbeitern versorgen wollen, während im benachbarten Vernichtungslager die Schornsteine qualmten. Er schweigt noch immer nicht, hat keine Gnade mit dem Publikum, wie er sie auch nicht mit den Arbeitern hatte:

Er – also der Kapitalismus, den er verkörpert – sei unschuldig am Gräul des Krieges. Und mit diesen Worten will der Geschäftemacher von Auschwitz zugleich dem Publikum erzählen, dass das Geld auch nicht am Elend dieser Welt schuld sei…


Ein Happy End gibt es in der Geschichte des Geldes leider noch nicht.

Versöhnlich weckt nur der Abschluss mit den Textzeilen aus dem Lied „Die Moldau“ eine vage, verträumte Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft, ohne das Kapital als allmächtiger Gottheit und seinem Missbrauch durch die Geldmenschen:

Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne
Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.
Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne
Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt.

Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.


„So wird Geld verdient!“ – Rolf Becker liest Texte über Geld

geldverdient

Die Veranstaltung ist sehr zu empfehlen!


Bastian Sue,
der Löwenseelenkater

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